Gila Lustinger wurde 1963 in Frankfurt am Main in eine deustch-jüdische Familie geboren und studierte Germanistik und Komparatistik an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1987 lebt sie als freie Autorin in Paris.

Gila Lustiger, 2015
Quelle: boersenblatt.de

Mit dem Gesellschafts- und Kriminalroman „Die Schuld der anderen“ gelang ihr 2015 ein Bestseller, für den sie am 16. Juni 2017 den Stefan-Andres-Preis erhielt. Ihre vorurteilsfreie Sichtweise weist sie nach Auffassung der Jury als geistige Verwandte des humanistisch denkenden Stefan Andres aus.

Mit dem Krimi „Die Schuld der Anderen“ ist ihr ein kritisches Porträt der französischen Eliten und ihrer Verflechtung mit Wirtschaft und Politik gelungen.

2011 weckt eine kurze Zeitungsnotiz über die Aufklärung eines Mordfalls aus dem Jahr 1984 an der 19-jährigen Prostituierten Emilie Thevenin die Neugier des Pariser Journalisten Marc Rappaport. Er glaubt nicht, dass die DNA-Analyse mit Gilles Neuhart den richtigen Mörder nach 27 Jahren überführt hat. Der damals 21-jährige Banklehrling soll Emilie niedergeschlagen, vergewaltigt und mit einem Nylonstrumpf erdrosselt haben. Von dem Polizisten Sebastien Ferrer, der einst an der gescheiterten Aufklärung des Falls beteiligt war, erfährt Marc dessen Arbeitshypothese über den Mörder:

„Ich glaube nicht, dass es einer ihrer Kunden war. Und zwar, weil sie vergewaltigt wurde. Und weil der Täter ihr Schmerz zufügen wollte und zugefügt hat (Berlin Verlag, 2015, S. 118).“ (…) „Suchen Sie nach einem Mann, der mächtig ist. Ich würde sagen: in der Politik. Nicht erste Riege, aber doch im Zentrum der Entscheidungen. Suchen Sie nach diesem Schweinehund“ (Berlin Verlag, 2015, S. 119).

Recherchen zu der ermordeten Emiliy, die in Paris ihr Studium gegen ein Leben als Luxusprostituierte eingetauscht hatte, führen den Journalisten zu einem französischen Konzern, der für die Massentierhaltung Futtermittel herstellt. In dieser Firma erkranken auffällig viele Angestellten an Nierenkrebs. Auch Emilies Vater starb 1983 daran und sie war als Schülerin bereits davon überzeugt, das er krebserzeugenden Substanzen am Arbeitsplatz ausgesetzt war. Unter dem Staatschef Mitterand war der Chemie-Riese 1982 verstaatlicht worden.

Marc Rappaport dringt in die Welt der menschenverachtenden, profitorientierten Wirtschaftskonzerne und ihrer politischen Unterstützung in Frankreich vor. Denn bereits 1988 konnte der Betriebsarzt nachweisen, dass ein Zwischenstoff zur Herstellung von Vitamin A in den Futtermitteln sowohl das Erbgut verändert und karzinogen ist. Da der Stoff aber nach den europäischen Regeln nicht in die Kategorie 1 der verbotenen Stoffe eingestuft wurde,  lief die Produktion weiter. Denn: ein chemischer Stoff, der in der Firma hergestellt, nicht verkauft, sondern nur intern weiterverarbeitet wird, muss nicht von der Europäischen Chemikalienagentur geprüft werden. Am Ende des Romans lernt der Journalist durch einen weiteren Mord die Macht des Geldes und den Schutz der Familie kennen.

Die Spannung des gut recherchierten Romans, der sich auf einen alten Prostituiertenmordfall während der Mitterand-Ära bezieht, steigert sich von Seite zu Seite und spiegelt die gesellschaftlichen Zwänge und Realitäten der Eliten und der Banlieus in Frankreich mit ihrem Beziehungsgeflecht von Korruption, Gewalt und Armut wieder. Und der Roman endet für den Journalisten Marc mit einem Paukenschlag, den ich hier nicht verrate.

Für diese harte Geschichte empfehle ich einen hochprozentigen Cocktail, der aus drei Spirituosen besteht, die für Frankreich typisch sind, den „Tremblement de Terre“ (= Erdbeben).

Quelle: Google Images

 

Tremlement de Terre (diesmal für den Leser)

Glas: Weinglas, Garnitur: keine

2 cl Absinth, 2 cl Cognac, 2 cl Cointreau, 1 Dash Angostura Bitter

Weinglas vorkühlen. Alle Zutaten mit Eis in ein Rührglas geben und kaltrühren, bis das Glas beschlägt. Anschließend durch ein Barsieb abgießen. Eventuell mit einem Eiswürfel im Glas verdünnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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